Wallfahrt zur Weinenden Mutter Gottes
von Karl Kurrus

 

Wie schon erwähnt, erlangte die St.Martinskirche durch das „Tränenmirakel" von 1615 besondere Bedeutung für das religiöse Leben Endingens und des Kaiserstuhlgebietes. Hierzu können wir berichten:

Am Vortag des Himmelfahrtfestes 1615 weinte die Statue der seligen Jungfrau Maria, die damals inmitten der Kirche stand (,,in medio Ecclesiae collocata"). In den Tagebüchern Thomas Mallingers, eines Geistlichen in Freiburg, der verwandtschaftliche Beziehungen nach Endingen hatte, lesen wir dazu: „1615 May 27. hat sich zuo Endingen ein groß miraculum mit der Bildnus b. Mariae zuogetragen, dann als man sie hat wollen zieren, hat sie angefangen zu wainen. Die Kunde von diesem Weinen des Endinger Gnadenbildes muß sich mit Windeseile verbreitet haben und sorgte vor allem dafür, daß die Wallfahrt zu dem Muttergottesbild neuen Auftrieb erfuhr. Hierzu gibt es außer Mallingers Tagebuch noch weitere vier zeitgenössische Dokumente, die wir auszugsweise anführen.

Die in der bisherigen Literatur zu diesem Ereignis vorliegenden Berichte über den Hergang stützen sich hauptsächlich auf ein Verhörprotokoll,das vom Rat der Stadt Endingen drei Tage nach dem Mirakel, am 30. Mai 1615, angefertigt wurde. Bei diesem Verhör wurden die wichtigsten Augenzeugen, darunter angesehene Personen geistlichen und weltlichen Standes, unter Eid befragt. Das Originalprotokoll hat sich nicht erhalten. Dafür existieren aber mehrere private Abschriften. Eine von dem Endinger Bürger Martin Gruber am 20. Januar 1858 angefertigte handschriftliche Kopie wurde den bisherigen Berichten zugrunde gelegt. Nach der Überlieferung zu schließen hat sich Gruber mit großem Eifer und tiefer Gläubigkeit der kirchlichen Dinge in Endingen angenommen. Er wird so geschildert, daß „er sich vor Sünde gefürchtet hätte", etwas falsch abzuschreiben oder unrichtig darzustellen. Die korrekte und saubere Schrift von Gruber gibt hierfür auch eine gewisse Bestätigung. In dieser Protokollabschrift steht u.a.: „Über das große Wunderwerk, daß sich verschiedenen Mitwoch am Abende asßensionis Christi, des laufenden Jahres 1615, an unser lieben Frauen Bildniß & dem Kindlein so Sie auf ihren Armen tragt, in der oberen St.Martins Pfarrkirche, auf dem mittleren Altar genant, unser lieben Frauen Altar, unter der  Handwerksgesellenbruderschaft, zugetragen" seien verschiedene Personen unter Eid verhört worden. Die Befragung habe ergeben, daß das Angesicht der Muttergottes „auf der rechten Seite geschwitzet, mit zimlich großen & kleinen Wasser-Thränen überzogen, nachher auf der linken Seite auch ebenmäßig angefangen zu schwitzen. Da habe Herr Georg der Pfarrherr mit einem weisen Tüchlein abgewischt, aber es habe nichts helfen wollen, sondern habe sich gleich wieder unten gezeigt, welches ihm zu Gemüth gegangen."

„Matheren & Prediger der Sigrist sagt" er habe ,,anfänglich gesehen vorbemelten Frauenbild die Augen schwitzen, der er nun gedachten Bild die Thränen mit dem Finger wegwischt, seyen die Finger gleich voll Wasser gewesen, aber gleich wieder unten angefangen zu schwitzen, darüber sich sehr bewundert, dan das ganze Angesicht mit Schweißtröpflein Überschossen wurde, ebenmäßig das Kindlein so sie auf ihren Armen tragt auch." Acht Zeugen wurden vernommen. 

„Zum Urteil ist dieses Zeugenverhör, welches zwar von einem ehrsamen Rath öffentlich bekräftiget, so geschehen den 30 Tage des Monats Mai der wenigeren Zahl ein tausend sechshundert & fünfzehnten Jahres 1615."

Groseutem copiam vervoriginali De verbo ad verbum Concordari feßtatur! Endingen 30. Mai 1615 — Canzlei allda

 

Zum zweiten gibt es das sogenannte Augsburger Zeitungslied. Wie seit Beginn des 16. Jahrhunderts üblich, wurde 1615 in Augsburg eine kleine Flugschrift herausgegeben, wobei einer der drei Berichte in den „Newen Zeitungen" Endingen betraf. In Liedform wurde über das Tränenmirakel berichtet. In der dritten von 18 Strophen heißt es: „Zu Endingen in der werthen Statt / am Auffahrt Christi sich zugetragen hat / mit dem Maria bild hört eben . . ." In der 9. Strophe wird berichtet: ,,Das Maria Bild thu ich euch bericht / weinet von drey uhr an bis in die nacht / bis umb zehen uhren das ist gewiß . . ." Ein dritter zeitgenössischer Nachweis, um 1615 gedruckt, ist das Endinger „Brunnenquellen- Lied", wovon das einzige erhaltene Original in Endinger Besitz ist. Jeweils am Auffahrtsabend werden die drei ersten von zehn Strophen in der Endinger Wallfahrtskirche gesungen, bevor die Lichterprozession von einigen hundert Menschen durch die Stadtzieht.

 

„Bronnen=Quelle, Flüß und Meere!

Euer Hülff ich jetzt verlang,

Zu der Mutter Gottes Ehre,

Stimmet an ein Lob-Gesang.

 

Da man tausend und sechshundert.

Und fünffzehen hat gezehlt,

Auffahrts=Abend g'schah ein Wunder,

Hör es an betrübte Welt!

 

Wahrhaftig ein Beweis dafür, daß in Endingen die Marienverehrung seit Jahrhunderten treue Anhänger hat. 

Zu den bisherigen Nachweisen kommt noch ein Zeitungslied von Freiburg 1616 ,,Gedruckt zu Freyburg im Brißgaw bey Martin Böcklern 1616." Ein Holzschnitt, die Muuergottes mit Kind darstellend, schmückt das Blatt. Es ist ein Bußlied, das vom wunderbaren Geschehen in Endingen am 3, April 1615 „am heyligen Ostertag" berichtet; also abweichend vom Verhörprotokoll (dort 27. Mai). 

In der Chronik der Tiroler Franziskanerprovinz wird von dem Freiburger Guardian, Pater Augustin Andreae, berichtet, daß er am Pfingstfeste 1615 in der oberen Pfarrkirche St. Martin zu Endingen gepredigt habe. Dabei sahen er, Dekan, Pfarrer und zweihundert Gläubige, wie das Bild Mariens ganze zwei Stunden lang Schweiß vergoß. 

Die vom Tag des Geschehens her teils abweichenden Schilderungen wollen wir von der tiefgläubigen Haltung der Menschen jener Zeit zu verstehen versuchen. Erst später schriftich niedergelegte Berichte könnten zu irrtümlichen Daten geführt haben. Die Angaben im Verhörprotokoll dürfen als wichtigster Nachweis für das Tränenwunder gelten, das der Wallfahrt zur Weinenden Muttergottes bis in unsere Zeit so großen Zuspruch gebracht hat.

Wir wenden uns nun dem Gnadenbild als solchem zu.

Bisher gab es irrige Vermutungen bezüglich des ursprünglichen Zustandes der Muttergottesstatue. «» Die Freiburger Kunsthistorikerin Dr. Ingeborg Krummer-Schroth hat sich auf Bitte von Karl Kurrus bereit erklärt, das Gnadenbild zu besichtigen und klärende Beurteilung zu finden. Nach ihren Feststellungen wurde die Statue um 1430 von einem Breisgauer Bildhauer im sogenannten Weichstil aus Lindenholz geschnitzt. Maria trug den Jesusknaben auf ihren Armen. Als man in späterer Zeit, wie es bei vielen anderen Wallfahrtsorten der Fall war, Mutter und Kind mit festlichem Gewand schmücken und bekrönen wollte, wurden Veränderungen am Werk des Künstlers vorgenommen. Die ursprüngliche Lage des Kindes hat man so umgestaltet, daß es sich aufrecht sitzend dem Beschauer zuwendet. 

Mit der Änderung der Statue und den Zugaben von Kronen und Zepter wollte man die Marienverehrung besonders herausstellen und fördern, ohne sich deswegen um die Statue als Kunstwerk Sorge zu machen. Diesen frommen guten Willen müssen und wollen wir respektieren. Es ist zu vermuten, daß zunächst nur der Muttergottes eine Krone aufgesetzt wurde (deren Entwendung im Jahre 1729 haben wir schon vermerkt). Später aber, vor 1780, als Peter Mayer seinen Holzschnitt fertigte, wurden Mutter und Kind bekrönt und beide mit dem Ziergewand versehen. So sehen wir das Gnadenbild der weinenden Muttergottes von Endingen heute. 

Um auch dem Kinde ein Krönlein aufsetzen zu können, wurden ihm die Haarlocken weggeschnitten. Die vorderen Armteile und die Hände des Jesusknaben mußten wegen der Lapveränderung neu gefertigt werden. Marias rechter Arm wurde ebenfalls neu geschaffen und in anderer Richtung angebracht, um das Zepter halten zu können. Es steht außer Zweifel, daß der Bildhauer die Statue mit Mutter und Kind geschaffen hat und daß die Mutter ihr Kind auf ganz natürliche Art mit beiden Händen vor ihrer Brust trug. Vielerlei Spuren der weitgehenden Veränderungen sind erkennbar, so z.B. das Fehlen von zwei Fingern an der linken Hand der Mutter. Einen ebenso interessanten wie gültigen Hinweis entnehmen wir dem Verhörprotokoll von 1615, in dem es mehrfach heißt: „ . . . und dem Kindlein, so sie auf den Armen tragt." 

Vergleiche mit anderen Marienstatuen unserer Gegend aus jener Zeit zeigen, daß fast aus nahmslos die Statuen so gestaltet wurden, daß die Mutter das Kind auf den Armen trägt und beschützt; Bilder von besonderer Liebe und Güte der Mutter für ihr Kind. Beispiele von Muttergottesstatuen hierzu: Raum Freiburg, um 1420; Kloster Wonnental, 1420; Madonna in der Albankapelle, Bötzingen-Oberschaffhausen, vor 1450; Maria Sand in Herbolzheim, Mitte 15. Jahrhundert; Lautenbach, um 1480 (vgl. „Kunstepochen der Stadt Freiburg", Ausstellungskatalog des Augustinermuseums 1970 u.a.). 

Wie die Endinger Muttergottesstatue ursprünglich ausgesehen hat, zeigt uns der Rekonstruktionsversuch (Radierung), den wir dem Freund Endingens und des Kaiserstuhls, dem evangelischen Pfarrer Hermann Grötzinger, verdanken.

 Die 1651 gegründete Rosenkranzbruderschaft sah, wie schon erwähnt, in Maria ihre besondere Gnadenmittlerin und machte die Martinskirche zu einer Pflegestätte des Rosenkranzgebetes. Hl. Dominikus, der Ordensvater der Prediger, und hl. Katharina von Siena, die allgemein verehrten Patrone der Rosenkranzbruderschaften, wurden in den durch den unbekannten Meister geschaffenen Barockaltar als flankierende Statuen einbezogen. Wie eine prächtige Himmelspforte umschließt der Altaraufbau die wundersame Endinger Tränenmadonna. Die Weihe des Altares erfolgte 1749. 

Nach dem Tod des letzten Martinspfarrers Franz Anton Melder (1809) hielten die badischen Behörden die Zeit für gekommen, um die Endinger Pfarrverhältnisse entsprechend neu zu ordnen. Ein zäher Kampf um die Erhaltung der oberen Kirche als Gottesdienststätte und Wallfahrtskirche setzte ein.

„Nach der Sensation, die diese Veränderung bei dem hiesigen, von der Aufklärung des Zeitalters großenteils noch entfernten Volke erregt hat", sträubten sich die Oberstädtler gegen den Sakramentenempfang in der Peterskirche und hielten in St.Martin stark besuchte Wallfahrtstage und Gebetsnächte ab. ,,Gerüchte von wunderbaren Erscheinungen in der Kirche lockten dazu immer mehr Leute aus der Umgebung an." Zu den Lichterprozessionen am Vorabend der Himmelfahrtstage 1811 und 1812 vereinigten sich etwa 3000 Menschen. Die Lage spitzte sich zu. Obwohl die Kirchenbehörde bei der Zusammenlegung der beiden Stadtpfarreien blieb, erreichte die Stadt 1812 mit Hilfe der badischen Großherzogin Stephanie doch, daß St.Martin erhalten und als Filial- und Wallfahrtskirche weiterbenützt werden durfte. 

Nach der Säkularisierung der Benediktinerabtei Ettenheimmünster teilten sich Stadt (Turm), badische Herrschaft (Chor) und Kirchenfonds (Langhaus) die Baupflicht. Das Bezirksamt Kenzingen schlug zur Lösung der Reparatur- und Bauprobleme vor, die Martinskirche „zweckmäßiger zu einem Schulhaus zu verwenden", weil sie ,,gänzlich entbehrlich" sei, „gleichwohl sich der Pöbel sehr für die Beibehaltung der Kirche wegen dem darin befindlichen Marienbild interessiere." Und wie verhielt sich die Kirchenbehörde? Der Kenzinger Dekan dachte sogar noch radikaler und lehnte mit scharfen, ätzenden Äußerungen den Endinger Marienkult gleich mit ab. Unbeeindruckt von der Meinung der hohen Herren, setzte zuletzt das gläubige Volk Endingens seinen Willen zur Erhaltung der Kirche durch. Dies bestätigte in besonderer Weise jene Gemeindeversammlung vom Jahre 1844, über die wir berichtet haben. 

Die Pflege und das Schmücken des Gnadenbildes ist von alters her eine freiwillige und gerne wahrgenommene Aufgabe besonders der Nachbarn von St.Martin gewesen. Es waren auch Spenden für das Ausschmücken der Kirche zu verzeichnen. Um das Herzstück der St.Martinskirche, den Hochaltar mit dem Gnadenbild, sorgten sich besonders auch die beiden Schwestern des Militärpfarrers, Maria Anna Keck und Josepha Buhl geborene Keck. Sie spendeten 1909 das Geld zu einer reichen Vergoldung des Altaraufbaus. Priester F. A. Buhl, Sohn der letzteren, drängte auf Beachtung des Stifterwillens, den der Stiftungsrat erst nach „Anschaffung eines neuen Tabernakels", Veränderung des Hochaltars (Altartreppenstufen) und Renovierung des Chors erfüllen wollte. 

Wie uns die Darstellung des Gnadenbildes von Peter Mayer um 1780 zeigt, waren damals schon Mutter und Kind mit Paramenten bekleidet (s. Abb.). Die Kronen und das Zepter waren einfacherer Art als heute. Wie sich die alten Bürger Endingens erinnern, wurde die schmückende Bekleidung der Muttergottes von der Oberen Kirche immer gestiftet. Von 1870 an hat fast ein Jahrhundert lang die Paramentenstickerei Ruh die künstlerisch gestalteten Zierkleider angefertigt. Es sind immer einige in verschiedenen Farben vorhanden. Das so feierlich geschmückte Gnadenbild wirkt tief beeindruckend, besonders im Marienmonat Mai, wenn wir die Gottesmutter mit dem Jesusknaben über dem Hochaltar mit einem Meer von Blumen sehen.